ICD 11 – was ist neu?
in BlogDie ICD-11 hat im Bereich der psychischen, Verhaltens- und neuroentwicklungsbezogenen Störungen (Kapitel 06) die größten Änderungen seit Jahrzehnten erfahren.
Im Vergleich zur ICD-10 (Kapitel F0–F9) wurde das gesamte System modernisiert, vereinheitlicht und dimensionaler gestaltet, mit stärkerem Bezug zu aktueller Forschung und klinischer Praxis (sowie engerer Angleichung an das DSM-5).
Hier bekommst du eine vollständige und systematische Übersicht über die Neuerungen der ICD-11 gegenüber der ICD-10 bei psychischen Störungen und ihrer Diagnostik – gegliedert nach übergeordneten Themen und Störungsgruppen:
1. Neue Struktur und Kapitel
- Kapitelnummer geändert:
- Einheitliche, internationale Terminologie (englischsprachige Systematik)
- Diagnosen erhalten alphanumerische Codes (z. B. 6A20 statt F20.0)
2. Von kategorial zu dimensional
- ICD-10: starre, kategoriale Diagnosen (entweder „hat die Störung“ oder nicht)
- ICD-11: dimensionale Einschätzung von:
- Schweregrad (leicht, mittel, schwer)
- Verlauf (episodisch, kontinuierlich, remittiert)
- funktioneller Beeinträchtigung
- Spezifikatoren (z. B. mit Angstmerkmalen, mit psychotischen Symptomen) statt starrer Subtypen.
3. Vereinheitlichung und Vereinfachung
- Wegfall vieler Subtypen und Sonderformen
- Reduktion redundanter Diagnosen
- Einführung übergreifender „Kernstörungen“ mit optionalen Modifikatoren
4. Funktionsbeeinträchtigung als zentrales Kriterium
- Diagnose setzt nicht mehr nur Symptome voraus, sondern auch:
- klinisch relevante Beeinträchtigung
- in sozialen, beruflichen oder anderen Funktionsbereichen
- Damit wird die klinische Praxis stärker betont als reine Symptomzählung.
5. Neue diagnostische Konzepte
- Neuroentwicklungsstörungen als eigenes Spektrum (Autismus, ADHS etc.)
- Zwangs- und verwandte Störungen (z. B. Körperdysmorphe Störung, Trichotillomanie) erhalten eigenes Kapitel
- Trauma- und Stressbezogene Störungen werden differenzierter (z. B. komplexe PTBS)
- Dissoziative Störungen neu gegliedert
- Geschlechtsinkongruenz aus der Rubrik „psychische Störungen“ herausgenommen (nun im Kapitel Sexualgesundheit)
6. Diagnostische Beschreibungssysteme
- Jede Störung enthält jetzt:
- Kernmerkmale (essential features)
- zusätzliche klinische Merkmale
- diagnostische Leitlinien
- Abgrenzung zu anderen Diagnosen
- Dadurch: weniger Symptomlisten, mehr klinische Orientierung.
1. Neuroentwicklungsstörungen (ICD-11: 6A00–6A0Z)
Neu strukturiert und erweitert:
- Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ersetzt ICD-10-Trennung in frühkindlichen, atypischen, Asperger-Autismus usw.
- ADHS (6A05) umfasst jetzt klar definierte Subtypen und Erwachsene
- Lernstörungen (Lesen, Rechnen, Schreiben) zusammengefasst
- Tic-Störungen (inkl. Tourette) besser operationalisiert
- Einführung: Intellectual developmental disorder (statt „geistige Behinderung“) – mit genauer Schweregradbewertung
2. Schizophrenie und andere primär psychotische Störungen (6A20–6A2Z)
Wichtige Neuerungen:
- Abschaffung der Subtypen (paranoid, hebephren, kataton etc.)
- Einführung dimensionaler Bewertung der Symptomgruppen
- Schizoaffektive Störung bleibt, aber mit strengeren Kriterien
- Akute psychotische Störungen klar definiert (Dauer, Auslöser)
- Wahnhafte Störung flexibler (leichte Halluzinationen zulässig)
3. Affektive Störungen (6A60–6A7Z)
Zentrale Änderungen:
- Einheitliche Kategorie: Mood disorders
- Wegfall der Trennung zwischen „depressiver Episode“ und „rezidivierender Depression“ → zusammengeführt zu Depressive disorder
- Bipolare Störung vereinheitlicht, gemischte Merkmale als Spezifikator
- Einführung dimensionaler Schweregrade
- Dysthymie → Persisting depressive disorder
- Postpartale Depression → Peripartal specifier
4. Angst- und Zwangsstörungen
Angststörungen (6B00–6B0Z)
- Trennung von Angst- und Zwangsstörungen (in ICD-10 gemeinsam)
- Präzisere Definition von:
- generalisierter Angststörung
- Panikstörung
- sozialer Angststörung
- Agoraphobie
- Trennungsangst (auch bei Erwachsenen)
- Wegfall der unspezifischen Kategorie „gemischte Angst und depressive Störung“
Zwangs- und verwandte Störungen (6B20–6B2Z)
- Neues, eigenes Kapitel:
- Zwangsstörung (OCD)
- Körperdysmorphe Störung
- Trichotillomanie
- Skin-picking disorder
- Zwanghafte Sammelstörung (Hoarding Disorder)
5. Trauma- und stressbezogene Störungen (6B40–6B4Z)
Wichtige Neuerungen:
- Komplexe PTBS (CPTSD) als eigene Diagnose
- Anpassungsstörung stärker operationalisiert (Kernsymptome statt Restkategorie)
- Prolongierte Trauerstörung neu aufgenommen
- Wegfall der unscharfen „akuten Belastungsreaktion“ als eigenständige psychische Störung
6. Dissoziative Störungen (6B60–6B6Z)
Neuordnung:
- „Multiple Persönlichkeitsstörung“ → Dissoziative Identitätsstörung (DID)
- Einführung einer partiellen Dissoziativen Identitätsstörung
- Klare Abgrenzung zu Trauma- und psychotischen Störungen
7. Substanzgebrauchsstörungen (6C40–6C4Z)
Modernisierung:
- Einheitliche Kriterien für Substanzgebrauchsstörung statt Missbrauch/Abhängigkeit
- Dimension: „Schädlicher Gebrauch“ vs. „Abhängigkeit“ ersetzt durch Kontinuum
- Neues Konzept: Episode of harmful use
- Neu aufgenommen: Verhaltenssüchte (z. B. Glücksspiel, Gaming)
8. Verhaltenssüchte und Impulskontrollstörungen
- Neues Kapitel „Disorders due to addictive behaviours“ (6C5)
- Gambling disorder
- Gaming disorder (neu, sehr bedeutsam)
- Impulskontrollstörungen (Pyromanie, Kleptomanie) klarer definiert
9. Essstörungen (6B80–6B8Z)
- Zusammenfassung und Modernisierung:
- Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Binge-eating disorder
- Einführung: Avoidant/restrictive food intake disorder (ARFID)
- Schweregrade, Körperbildstörungen und Risikofaktoren präzisiert
10. Persönlichkeitsstörungen (6D10–6D1Z)
Eine der größten Veränderungen:
- Wegfall aller spezifischen Typen (z. B. Borderline, narzisstisch, schizoid usw.)
- Einführung eines einheitlichen dimensionalen Modells:
- Schweregrad (leicht – mittel – schwer)
- Persönlichkeitszüge (z. B. Negativität, Dissozialität, Enthemmung, Zwanghaftigkeit, Distanzierung)
- Möglichkeit eines deskriptiven „Borderline-Typus“ als Zusatz
11. Schlaf-Wach-Störungen, Sexualstörungen und Geschlechtsinkongruenz
- Schlafstörungen: nach biologischem Rhythmus, Insomnie, Hypersomnie etc.
- Sexuelle Funktionsstörungen: klinischer orientiert, weniger moralisch gefärbt
- Geschlechtsinkongruenz: nicht mehr psychische Störung, sondern unter „Sexual health“ – großer Paradigmenwechsel
12. Kognitive Störungen und Demenzen
- Neurokognitive Störungen (6D70–6D7Z)
- Einteilung nach Schweregrad (mild, major)
- Ätiologische Untergruppen (z. B. Alzheimer, vaskulär)
- Begriff „Demenz“ wird nur noch beschreibend verwendet
13. Weitere strukturelle Änderungen
- Transdiagnostische Spezifikatoren (z. B. psychotische Symptome, gemischte Merkmale)
- Entfernung kulturell geprägter Sonderformen
- Klinische Beschreibung vs. Forschungsdefinition klar getrennt
- Integration neuer Phänomene: Gaming, Prolongierte Trauer, Komplexe PTBS
- Dimensionale Diagnostik (Schweregrad, Verlauf, Beeinträchtigung)
- Vereinheitlichung vieler Störungskategorien
- Neue Kapitelstruktur mit moderner Nomenklatur
- Neue Diagnosen (z. B. Komplexe PTBS, Gaming Disorder, Prolongierte Trauer)
- Abschaffung vieler Subtypen (v. a. bei Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen)
- Neues Persönlichkeitsmodell (dimensionale Züge statt Typen)
- Integration von Neuroentwicklungsstörungen ins gleiche Kapitel
- Geschlechtsinkongruenz nicht mehr psychische Störung
- Funktionsbeeinträchtigung als zentrales diagnostisches Kriterium
- Harmonisierung mit DSM-5, aber Beibehaltung klinischer Flexibilität



