ICD-11 – Neuerungen
in ICD-11Die ICD-11 hat im Bereich der psychischen, Verhaltens- und neuroentwicklungsbezogenen Störungen (Kapitel 06) die größten Änderungen seit Jahrzehnten erfahren.
Im Vergleich zur ICD-10 (Kapitel F0–F9) wurde das gesamte System modernisiert, vereinheitlicht und dimensionaler gestaltet, mit stärkerem Bezug zu aktueller Forschung und klinischer Praxis (sowie engerer Angleichung an das DSM-5).
Hier bekommst du eine vollständige und systematische Übersicht über die Neuerungen der ICD-11 gegenüber der ICD-10 bei psychischen Störungen und ihrer Diagnostik – gegliedert nach übergeordneten Themen und Störungsgruppen:
1. Neue Struktur und Kapitel
- Kapitelnummer geändert:
- Einheitliche, internationale Terminologie (englischsprachige Systematik)
- Diagnosen erhalten alphanumerische Codes (z. B. 6A20 statt F20.0)
2. Von kategorial zu dimensional
- ICD-10: starre, kategoriale Diagnosen (entweder „hat die Störung“ oder nicht)
- ICD-11: dimensionale Einschätzung von:
- Schweregrad (leicht, mittel, schwer)
- Verlauf (episodisch, kontinuierlich, remittiert)
- funktioneller Beeinträchtigung
- Spezifikatoren (z. B. mit Angstmerkmalen, mit psychotischen Symptomen) statt starrer Subtypen.
3. Vereinheitlichung und Vereinfachung
- Wegfall vieler Subtypen und Sonderformen
- Reduktion redundanter Diagnosen
- Einführung übergreifender „Kernstörungen“ mit optionalen Modifikatoren
4. Funktionsbeeinträchtigung als zentrales Kriterium
- Diagnose setzt nicht mehr nur Symptome voraus, sondern auch:
- klinisch relevante Beeinträchtigung
- in sozialen, beruflichen oder anderen Funktionsbereichen
- Damit wird die klinische Praxis stärker betont als reine Symptomzählung.
5. Neue diagnostische Konzepte
- Neuroentwicklungsstörungen als eigenes Spektrum (Autismus, ADHS etc.)
- Zwangs- und verwandte Störungen (z. B. Körperdysmorphe Störung, Trichotillomanie) erhalten eigenes Kapitel
- Trauma- und Stressbezogene Störungen werden differenzierter (z. B. komplexe PTBS)
- Dissoziative Störungen neu gegliedert
- Geschlechtsinkongruenz aus der Rubrik „psychische Störungen“ herausgenommen (nun im Kapitel Sexualgesundheit)
6. Diagnostische Beschreibungssysteme
- Jede Störung enthält jetzt:
- Kernmerkmale (essential features)
- zusätzliche klinische Merkmale
- diagnostische Leitlinien
- Abgrenzung zu anderen Diagnosen
- Dadurch: weniger Symptomlisten, mehr klinische Orientierung.
1. Neuroentwicklungsstörungen (ICD-11: 6A00–6A0Z)
Neu strukturiert und erweitert:
- Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ersetzt ICD-10-Trennung in frühkindlichen, atypischen, Asperger-Autismus usw.
- ADHS (6A05) umfasst jetzt klar definierte Subtypen und Erwachsene
- Lernstörungen (Lesen, Rechnen, Schreiben) zusammengefasst
- Tic-Störungen (inkl. Tourette) besser operationalisiert
- Einführung: Intellectual developmental disorder (statt „geistige Behinderung“) – mit genauer Schweregradbewertung
2. Schizophrenie und andere primär psychotische Störungen (6A20–6A2Z)
Wichtige Neuerungen:
- Abschaffung der Subtypen (paranoid, hebephren, kataton etc.)
- Einführung dimensionaler Bewertung der Symptomgruppen
- Schizoaffektive Störung bleibt, aber mit strengeren Kriterien
- Akute psychotische Störungen klar definiert (Dauer, Auslöser)
- Wahnhafte Störung flexibler (leichte Halluzinationen zulässig)
3. Affektive Störungen (6A60–6A7Z)
Zentrale Änderungen:
- Einheitliche Kategorie: Mood disorders
- Wegfall der Trennung zwischen „depressiver Episode“ und „rezidivierender Depression“ → zusammengeführt zu Depressive disorder
- Bipolare Störung vereinheitlicht, gemischte Merkmale als Spezifikator
- Einführung dimensionaler Schweregrade
- Dysthymie → Persisting depressive disorder
- Postpartale Depression → Peripartal specifier
4. Angst- und Zwangsstörungen
Angststörungen (6B00–6B0Z)
- Trennung von Angst- und Zwangsstörungen (in ICD-10 gemeinsam)
- Präzisere Definition von:
- generalisierter Angststörung
- Panikstörung
- sozialer Angststörung
- Agoraphobie
- Trennungsangst (auch bei Erwachsenen)
- Wegfall der unspezifischen Kategorie „gemischte Angst und depressive Störung“
Zwangs- und verwandte Störungen (6B20–6B2Z)
- Neues, eigenes Kapitel:
- Zwangsstörung (OCD)
- Körperdysmorphe Störung
- Trichotillomanie
- Skin-picking disorder
- Zwanghafte Sammelstörung (Hoarding Disorder)
5. Trauma- und stressbezogene Störungen (6B40–6B4Z)
Wichtige Neuerungen:
- Komplexe PTBS (CPTSD) als eigene Diagnose
- Anpassungsstörung stärker operationalisiert (Kernsymptome statt Restkategorie)
- Prolongierte Trauerstörung neu aufgenommen
- Wegfall der unscharfen „akuten Belastungsreaktion“ als eigenständige psychische Störung
6. Dissoziative Störungen (6B60–6B6Z)
Neuordnung:
- „Multiple Persönlichkeitsstörung“ → Dissoziative Identitätsstörung (DID)
- Einführung einer partiellen Dissoziativen Identitätsstörung
- Klare Abgrenzung zu Trauma- und psychotischen Störungen
7. Substanzgebrauchsstörungen (6C40–6C4Z)
Modernisierung:
- Einheitliche Kriterien für Substanzgebrauchsstörung statt Missbrauch/Abhängigkeit
- Dimension: „Schädlicher Gebrauch“ vs. „Abhängigkeit“ ersetzt durch Kontinuum
- Neues Konzept: Episode of harmful use
- Neu aufgenommen: Verhaltenssüchte (z. B. Glücksspiel, Gaming)
8. Verhaltenssüchte und Impulskontrollstörungen
- Neues Kapitel „Disorders due to addictive behaviours“ (6C5)
- Gambling disorder
- Gaming disorder (neu, sehr bedeutsam)
- Impulskontrollstörungen (Pyromanie, Kleptomanie) klarer definiert
9. Essstörungen (6B80–6B8Z)
- Zusammenfassung und Modernisierung:
- Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Binge-eating disorder
- Einführung: Avoidant/restrictive food intake disorder (ARFID)
- Schweregrade, Körperbildstörungen und Risikofaktoren präzisiert
10. Persönlichkeitsstörungen (6D10–6D1Z)
Eine der größten Veränderungen:
- Wegfall aller spezifischen Typen (z. B. Borderline, narzisstisch, schizoid usw.)
- Einführung eines einheitlichen dimensionalen Modells:
- Schweregrad (leicht – mittel – schwer)
- Persönlichkeitszüge (z. B. Negativität, Dissozialität, Enthemmung, Zwanghaftigkeit, Distanzierung)
- Möglichkeit eines deskriptiven „Borderline-Typus“ als Zusatz
11. Schlaf-Wach-Störungen, Sexualstörungen und Geschlechtsinkongruenz
- Schlafstörungen: nach biologischem Rhythmus, Insomnie, Hypersomnie etc.
- Sexuelle Funktionsstörungen: klinischer orientiert, weniger moralisch gefärbt
- Geschlechtsinkongruenz: nicht mehr psychische Störung, sondern unter „Sexual health“ – großer Paradigmenwechsel
12. Kognitive Störungen und Demenzen
- Neurokognitive Störungen (6D70–6D7Z)
- Einteilung nach Schweregrad (mild, major)
- Ätiologische Untergruppen (z. B. Alzheimer, vaskulär)
- Begriff „Demenz“ wird nur noch beschreibend verwendet
13. Weitere strukturelle Änderungen
- Transdiagnostische Spezifikatoren (z. B. psychotische Symptome, gemischte Merkmale)
- Entfernung kulturell geprägter Sonderformen
- Klinische Beschreibung vs. Forschungsdefinition klar getrennt
- Integration neuer Phänomene: Gaming, Prolongierte Trauer, Komplexe PTBS
ZUSAMMENFASSUNG – DIE WICHTIGSTEN NEUERUNGEN
- Dimensionale Diagnostik (Schweregrad, Verlauf, Beeinträchtigung)
- Vereinheitlichung vieler Störungskategorien
- Neue Kapitelstruktur mit moderner Nomenklatur
- Neue Diagnosen (z. B. Komplexe PTBS, Gaming Disorder, Prolongierte Trauer)
- Abschaffung vieler Subtypen (v. a. bei Schizophrenie, Persönlichkeitsstörungen)
- Neues Persönlichkeitsmodell (dimensionale Züge statt Typen)
- Integration von Neuroentwicklungsstörungen ins gleiche Kapitel
- Geschlechtsinkongruenz nicht mehr psychische Störung
- Funktionsbeeinträchtigung als zentrales diagnostisches Kriterium
- Harmonisierung mit DSM-5, aber Beibehaltung klinischer Flexibilität
Die ICD-11 hat die psychotischen Störungen im Vergleich zur ICD-10 deutlich überarbeitet und neu strukturiert. Ziel war, die Diagnostik klinisch präziser, dimensionaler und lebensnäher zu gestalten.
Hier ist eine Übersicht der wichtigsten Unterschiede:
- Neue Struktur und Terminologie
| ICD-10 | ICD-11 |
| F20–F29: Schizophrenie, schizotype und wahnhafte Störungen | 6A20–6A2Z: Schizophrenie- oder andere primär psychotische Störungen |
| Viele Einzeldiagnosen (z. B. F20.0 paranoide Schizophrenie, F20.1 hebephrene Schizophrenie usw.) | Vereinheitlichtes Konzept mit dimensionaler Beschreibung der Symptomatik (Art, Schwere, Verlauf) |
| Trennung zwischen Schizophrenie, Schizoaffektiver Störung, Wahn, Akuter psychotischer Störung | Gemeinsames Kapitel mit übergeordnetem Rahmen und Untertypen |
- Vereinheitlichung der Schizophrenie-Kategorien
In der ICD-10:
- Viele Subtypen:
- paranoide Schizophrenie
- hebephrene Schizophrenie
- katatone Schizophrenie
- undifferenzierte, residuale, einfache Schizophrenie
In der ICD-11:
- Alle Subtypen abgeschafft
→ stattdessen eine einheitliche Diagnose: „Schizophrenie“ (6A20) - Dimensionale Bewertung ersetzt Subtypen:
- Positivsymptome (Wahn, Halluzinationen)
- Negativsymptome (Affektverflachung, Antriebsmangel)
- Desorganisation (Denken, Sprache, Verhalten)
- Depressive Symptome
- Manische Symptome
- Psychomotorische Symptome (z. B. Katatonie)
Dadurch kann die Schwere und Art der Symptomatik individueller beschrieben werden.
- Schizoaffektive Störung – neue Definition
| ICD-10 | ICD-11 |
| F25: Schizoaffektive Störung als eigene Kategorie | 6A21: „Schizoaffektive Störung“ bleibt, aber Definition strenger |
| Affektive und schizophrene Symptome gleichzeitig vorhanden oder kurz nacheinander | In der ICD-11 müssen beide Symptomgruppen während derselben Episode gleichzeitig in signifikanter Ausprägung bestehen |
| Häufig unscharf von bipolaren oder schizophrenen Episoden abzugrenzen | Ziel: bessere diagnostische Klarheit |
- Akute und vorübergehende psychotische Störungen
| ICD-10 | ICD-11 |
| F23: Akute vorübergehende psychotische Störungen (z. B. „Brief psychotic disorder“) | 6A22: „Akute und vorübergehende psychotische Störung“ |
| Definition teilweise kulturell unscharf | ICD-11 präzisiert Dauer (weniger als 1 Monat) und Schwere; enthält Unterformen (z. B. mit oder ohne Auslöser) |
- Wahnhafte Störung (Paranoia)
| ICD-10 | ICD-11 |
| F22: Anhaltende wahnhafte Störung | 6A24: Wahnhafte Störung |
| Betonung auf chronischem Wahn ohne Schizophrenie | ICD-11 erlaubt auch leichte Halluzinationen, wenn sie nicht dominant sind |
| Klares Abgrenzungskriterium zu Schizophrenie | Etwas flexiblere Abgrenzung, um klinische Realität besser abzubilden |
- Dimensionaler Ansatz statt kategorialer Einteilung
ICD-11 führt für alle primär psychotischen Störungen dimensionale Beurteilungen ein:
- Ausmaß der Symptome (leicht, mittel, schwer)
- Verlauf (episodisch, kontinuierlich)
- Remission / Rückfallmuster
Das erlaubt eine feinere Beschreibung des Krankheitsbilds als in der ICD-10.
- Verlauf und funktionelle Beeinträchtigung
Neu ist auch:
- Verlaufsbeschreibung (z. B. episodisch vs. kontinuierlich)
- Funktionsbeeinträchtigung als zentrales Kriterium (nicht nur Symptomliste)
- Weitere neue oder veränderte Kategorien
| ICD-11-Code | Bezeichnung | Bemerkung |
| 6A25 | Schizotype Störung | Bleibt erhalten, aber klarer vom autistischen Spektrum abgegrenzt |
| 6A2Y | Andere spezifizierte primär psychotische Störung | Für atypische oder unvollständige Verläufe |
| 6A2Z | Nicht näher bezeichnete psychotische Störung | Wenn keine genauere Zuordnung möglich ist |
- Klinische Bedeutung
- Mehr Flexibilität und Realitätsnähe
- Bessere Abbildung des individuellen Krankheitsverlaufs
- Verbesserte Vergleichbarkeit mit DSM-5 (Annäherung)
- Weniger starre Schubladen – mehr kontinuierliche Betrachtung psychotischer Phänomene
Die affektiven Störungen wurden in der ICD-11 ebenfalls grundlegend überarbeitet und moderner strukturiert. Ziel war es, klinische Relevanz, diagnostische Genauigkeit und internationale Vergleichbarkeit (v. a. mit dem DSM-5) zu erhöhen.
Hier bekommst du eine klare, systematische Übersicht über die Unterschiede zwischen ICD-10 und ICD-11 bei den affektiven Störungen (Mood Disorders):
- Neue Bezeichnung und Systematik
| ICD-10 | ICD-11 |
| Kapitel V (F30–F39): Affektive Störungen | Kapitel 6A60–6A8Z: Mood Disorders (Affektive Störungen) |
| Unterteilung in „manische“, „depressive“ und „bipolare“ Störungen | Zentraler Fokus auf Episode und Verlauf – Unterscheidung nach Einzel- vs. wiederkehrenden Episoden |
| Eher kategorial | Mehr dimensionale Elemente (z. B. Schweregrad, Verlauf, psychotische Merkmale, gemischte Symptome) |
- Strukturänderungen im Überblick
ICD-10:
- F30: Manische Episode
- F31: Bipolare affektive Störung
- F32: Depressive Episode
- F33: Rezidivierende depressive Störung
- F34: Anhaltende affektive Störungen (z. B. Dysthymie, Zyklothymie)
- F38/F39: Sonstige / nicht näher bezeichnete affektive Störungen
ICD-11:
- 6A60: Bipolare oder verwandte Störungen
- 6A70: Depressive Störungen
- 6A7Y/6A7Z: Andere / nicht näher bezeichnete affektive Störungen
Dysthymie und Zyklothymie sind jetzt Unterformen innerhalb dieser Gruppen, nicht mehr eigenständige Hauptkategorien.
Die Schizoaffektive Störung wurde aus dem affektiven Kapitel herausgenommen und zu den psychotischen Störungen (6A21) verlagert.
- Bipolare Störungen – neue Logik
| ICD-10 | ICD-11 |
| F31: Bipolare affektive Störung (mit Subtypen) | 6A60: Bipolare oder verwandte Störungen |
| Unterteilung nach aktueller Episode (manisch, depressiv, gemischt) | Betonung des Lebenszeitverlaufs: mindestens eine manische oder hypomanische Episode erforderlich |
| „Gemischte Episode“ als eigener Subtyp | Gemischte Merkmale können innerhalb jeder Episode codiert werden („mixed features specifier“) |
| Hypomanische Episoden oft schwer abgrenzbar | ICD-11 definiert Hypomanie klarer (Dauer ≥ 4 Tage, deutliche, aber nicht schwerwiegende Beeinträchtigung) |
Manie mit psychotischen Symptomen = automatisch Bipolare Störung Typ I
Hypomanie ohne Psychose = Bipolare Störung Typ II
- Depressive Störungen – neue Struktur und Betonungen
| ICD-10 | ICD-11 |
| F32: Depressive Episode | 6A70: Depressive Störungen |
| F33: Rezidivierende depressive Störung | → nicht mehr getrennt von der Einzelepisode |
| Episodenstruktur: leicht, mittel, schwer, mit/ohne somatische Symptome | ICD-11 bewertet Schweregrad, Verlauf, Remission und psychotische Merkmale gesondert |
| Somatisches Syndrom = optionales Zusatzmerkmal | Entfallen; ersetzt durch symptomatische Dimensionen (kognitive, körperliche, emotionale) |
Das heißt:
Statt „rezidivierend“ wird der Verlauf als Zusatzinformation angegeben (z. B. einmalige, wiederkehrende, chronische depressive Störung).
So lassen sich Einzelepisoden und chronische Verläufe flexibler beschreiben.
- Dysthymie und Zyklothymie
| ICD-10 | ICD-11 |
| F34.1 Dysthymie | Jetzt: Persistent depressive disorder (unter 6A70) |
| F34.0 Zyklothymie | Jetzt: Cyclothymic disorder (unter 6A60) |
| Klare Trennung, wenig Verlaufsperspektive | ICD-11 betont Kontinuität und Schweregrad – Übergänge zu Bipolarität besser abbildbar |
- Neue Spezifikationen (Specifier)
ICD-11 führt Spezifikatoren (Specifiers) ein, die den bisherigen Subtypen überlegen sind.
Diese können zusätzlich kodiert werden:
- Mit gemischten Merkmalen (z. B. depressive Episode mit manischen Symptomen)
- Mit psychotischen Symptomen
- Mit saisonalem Muster
- Mit peripartalem Beginn (statt „postpartale Depression“)
- Mit Angstmerkmalen
- Mit atypischen oder melancholischen Merkmalen
Damit ist ICD-11 viel näher am DSM-5 und klinisch differenzierter.
- 7. Schweregrad und Funktionseinschränkung
Neu in ICD-11:
- Bewertung nach leicht, mittel, schwer
- Funktionsbeeinträchtigung als notwendiges Kriterium (nicht nur Symptommuster)
- Diagnostik fokussiert auf klinisch relevante Beeinträchtigung und nicht auf reine Symptomzahl
- Peripartale und andere besondere Formen
- Postpartale Depression entfällt als eigene Diagnose
→ jetzt Specifier: „mit peripartalem Beginn“ - Auch saisonal abhängige Depression oder gemischte Merkmale sind Specifier, keine eigenen Diagnosen mehr
- Kategorische Gegenüberstellung (Kurzform)
| ICD-10 | ICD-11 |
| F30 Manische Episode | 6A60.0 Manische Episode |
| F31 Bipolare Störung | 6A60 Bipolare oder verwandte Störung |
| F32 Depressive Episode | 6A70 Depressive Störung (einmalig oder wiederkehrend) |
| F33 Rezidivierende Depression | in 6A70 integriert |
| F34.1 Dysthymie | Persistent depressive disorder |
| F34.0 Zyklothymie | Cyclothymic disorder |
| F38 Sonstige affektive Störungen | 6A7Y Andere spezifizierte affektive Störung |
| F39 Nicht näher bezeichnete affektive Störung | 6A7Z Nicht näher bezeichnete affektive Störung |
- Grundsätzliche konzeptionelle Änderung
| ICD-10 | ICD-11 |
| Kategoriales Modell mit vielen klar abgegrenzten Typen (z. B. paranoide, schizoide, dissoziale, Borderline-Persönlichkeitsstörung usw.) | Dimensionales Modell: Es gibt nur noch eine übergeordnete Diagnose – „Persönlichkeitsstörung (6D10)“ mit Schweregrad und Merkmalsdomänen |
| Störungstypen als voneinander getrennte Kategorien | Persönlichkeitsmerkmale werden kontinuierlich auf einem Spektrum beschrieben |
| Fokus: welcher Typ? | Fokus: Wie schwer? Welche Merkmalsausprägungen? |
- Neue Struktur in der ICD-11
Schritt 1: Feststellen, ob eine Persönlichkeitsstörung vorliegt
- Andauernde Muster des Erlebens und Verhaltens, die deutlich von kulturellen Erwartungen abweichen
- Verursachen klinisch relevante Beeinträchtigungen in Beziehungen, Arbeit, Selbststeuerung etc.
- Stabil über Zeit und Situationen
Schritt 2: Bestimmung des Schweregrades
| Schweregrad | Beschreibung |
| Leicht (6D10.0) | Einige anhaltende Schwierigkeiten im Selbst- und Sozialverhalten, aber meist kompensierbar |
| Mittel (6D10.1) | Deutliche Probleme mit zwischenmenschlichen Beziehungen und Selbststeuerung |
| Schwer (6D10.2) | Tiefgreifende und chronische Störung des Selbst- und Sozialerlebens, hohe Dysfunktionalität |
→ Der Schweregrad beschreibt wie stark das Persönlichkeitsmuster das Leben beeinträchtigt – nicht welcher Typ es ist.
- Neue „Persönlichkeitsmerkmal-Domänen“ (trait domains)
Nach Festlegung des Schweregrades werden eine oder mehrere Merkmalsdomänen (6D11.x) angegeben, die den Charakter der Störung beschreiben:
| Merkmalsdomäne | Beschreibung |
| Negative Affektivität (6D11.0) | Emotionale Labilität, Angst, Depressivität, Scham, Wut, Pessimismus |
| Distanziertheit (Detachment) (6D11.1) | Sozialer Rückzug, emotionale Kälte, wenig Freude, Isolation |
| Dissozialität (Dissociality) (6D11.2) | Rücksichtslosigkeit, Mangel an Empathie, Manipulation, Feindseligkeit |
| Enthemmung (Disinhibition) (6D11.3) | Impulsivität, Verantwortungslosigkeit, Risikofreude |
| Zwanghaftigkeit (Anankastia) (6D11.4) | Perfektionismus, Rigidität, übermäßige Kontrolle, Pflichtbewusstsein |
Diese Merkmalsdomänen ersetzen die alten „Typen“ der ICD-10.
Man kann sie kombinieren, um ein individuelles Profil zu erstellen.
- Sonderfall: „Borderline pattern qualifier“
Da die Borderline-Persönlichkeitsstörung in der Forschung und Praxis sehr etabliert ist,
gibt es in der ICD-11 einen zusätzlichen Qualifier:
- „Borderline pattern“ (6D11.5)
→ kann zusätzlich angegeben werden, wenn die Kriterien eines Borderline-Musters erfüllt sind
→ erfasst emotionale Instabilität, intensive Beziehungen, Impulsivität und Identitätsstörung
Das ist also kein eigener Typ mehr, sondern ein zusätzliches Beschreibungsmerkmal.
5. Klinische Vorteile des neuen Modells
Höhere diagnostische Genauigkeit
Komorbiditäten zwischen Typen entfallen (früher häufig Mehrfachdiagnosen)
Bessere Behandlungsplanung nach Schweregrad und dominanten Merkmalen
Erlaubt kontinuierliche Beschreibung statt starre Schubladen
Weniger Stigmatisierung, da individuelle Beschreibung möglich
Zusammenfassung in Stichpunkten
- Nur noch eine Hauptdiagnose: Persönlichkeitsstörung (6D10)
- Drei Schweregrade (leicht, mittel, schwer)
- Fünf Merkmalsdomänen zur inhaltlichen Beschreibung
- Borderline pattern als optionaler Zusatzqualifikator
- Fokus auf Funktionsbeeinträchtigung + Merkmalsprofil, nicht auf starre Typen
- Dimensionales Modell statt kategorialem
- Erhöhte klinische Nützlichkeit und individuelle Passung
- Klassifikation
- ICD-10:
- F84.0: Frühkindlicher Autismus
- F84.1: Atypischer Autismus
- F84.5: Asperger-Syndrom
→ Viele Subtypen, teilweise unscharfe Abgrenzungen
- ICD-11:
- Code: 6A02 – Autism Spectrum Disorder (ASS)
- Einheitliche Diagnose, kein Aufteilen in Untertypen
- Betonung auf Spektrum und Schweregrad
- Diagnostische Kernmerkmale (essential features)
ICD-11 fasst die Diagnose auf zwei Hauptdimensionen zusammen:
2.1 Beeinträchtigungen der sozialen Interaktion und Kommunikation
- Probleme in sozial-emotionaler Gegenseitigkeit
- z. B. Schwierigkeiten beim Initiieren/Beantworten von sozialen Interaktionen
- Beeinträchtigungen in nonverbaler Kommunikation
- Gestik, Mimik, Blickkontakt, Körpersprache
- Schwierigkeiten beim Aufbau und Aufrechterhalten von Beziehungen
- Altersangemessene Freundschaften, Spiel, Interessen teilen
2.2 Restriktive, repetitive Verhaltensmuster, Interessen oder Aktivitäten
- Stereotype Bewegungen oder Sprachmuster (Handflattern, Echolalie)
- Strikte Einhaltung von Routinen / Ritualen
- Intensiv fokussierte oder eingeschränkte Interessen
- Sinnesempfindlichkeiten (Über- oder Unterempfindlichkeit)
- Kriterien für Diagnose
- Symptome müssen seit der frühen Kindheit vorhanden sein, auch wenn sie später deutlicher werden
- Beeinträchtigung muss klinisch bedeutsam sein
- Beeinträchtigung der sozialen, schulischen, beruflichen oder täglichen Funktionsfähigkeit
- Symptome nicht besser erklärbar durch allgemeine Entwicklungsverzögerung
- Unterschied zu Intelligenzminderung: Autismus kann mit normaler oder überdurchschnittlicher Intelligenz auftreten
- Spezifikatoren / zusätzliche Angaben
Die ICD-11 erlaubt, zusätzliche Merkmale anzugeben, um die individuelle Ausprägung zu beschreiben:
- Schweregrad der sozialen Kommunikationsbeeinträchtigung: leicht, mittel, schwer
- Schweregrad der restriktiven/repetitiven Verhaltensmuster: leicht, mittel, schwer
- Begleitende Intelligenzprofile
- ohne Intelligenzminderung
- mit leichter/mittlerer/schwerer Intelligenzminderung
- Begleitende Spracheinschränkungen
- nonverbal, eingeschränkter Wortschatz, funktionale Sprache vorhanden
- Wichtige Neuerungen gegenüber ICD-10
| ICD-10 | ICD-11 |
| Verschiedene Subtypen: frühkindlich, atypisch, Asperger | Einheitliche Diagnose „Autism Spectrum Disorder“ |
| Keine Schweregrade oder Spezifikatoren | Dimensionale Angaben zu Schweregrad, Sprache und Intelligenz |
| Fokus auf kindliche Erscheinungsform | Lebenslange Perspektive, Symptome auch im Erwachsenenalter relevant |
| Teils unscharfe Abgrenzung zu anderen Entwicklungsstörungen | Klare Abgrenzung zu Intelligenzminderung, sozialen Kommunikationsstörungen |
- Zusammenfassung (Kernpunkte)
- Einheitliche Diagnose: Autismus-Spektrum-Störung (6A02)
- Zwei Kernbereiche:
- Soziale Kommunikation
- Restriktives/repetitives Verhalten
- Symptome seit früher Kindheit, klinisch bedeutsame Beeinträchtigung
- Dimensionale Beschreibung mit Schweregrad, Sprache, Intelligenz
- Lebenslange Perspektive, nicht nur kindliche Symptome
- Ermöglicht präzise klinische Beschreibung und Individualisierung der Diagnose
In der ICD-11 gibt es zahlreiche Spezifikatoren (Zusatzkennzeichen), mit denen Diagnosen genauer beschrieben werden können. Diese dienen dazu, klinisch relevante Unterschiede innerhalb einer Störung zu kennzeichnen — etwa Schweregrad, Verlauf, vorherrschende Symptome oder äußere Ursachen.
Hier findest Du eine übersichtliche Zusammenfassung nach den wichtigsten Diagnosegruppen (besonders relevant für Psychiatrie und Psychologie):
1. Persönlichkeitsstörungen (ICD-11: 6D10–6D1Z)
Die ICD-11 hat das kategoriale System der ICD-10 (z. B. Borderline, narzisstisch etc.) durch ein dimensionales Modell ersetzt.
-
Schweregrad der Persönlichkeitsstörung:
-
Leicht (Mild)
-
Mittel (Moderate)
-
Schwer (Severe)
-
-
Persönlichkeitsmerkmals-Domänen (trait qualifiers):
-
Negativ-affektive Domäne (emotionale Labilität, Ängstlichkeit, Schuld)
-
Dissozialität (Rücksichtslosigkeit, Feindseligkeit, Empathiemangel)
-
Enthemmung (Impulsivität, Unvorsichtigkeit)
-
Anankastische Merkmale (Perfektionismus, Kontrolle)
-
Distanziertheit (soziale Rückgezogenheit, emotionale Kühle)
-
-
Borderline-Muster-Spezifikator (optional):
-
Wird zusätzlich vergeben, wenn die typischen Borderline-Merkmale (Instabilität von Selbstbild, Affekt und Beziehungen) vorliegen.
-
2. Depressive Episode / Depression (6A70, 6A71)
-
Schweregrad: leicht, mittel, schwer
-
Mit psychotischen Symptomen (Wahn, Halluzinationen)
-
Mit somatischen Symptomen (z. B. frühmorgendliches Erwachen, Appetitverlust)
-
Mit atypischen Symptomen (z. B. gesteigerter Appetit, Hypersomnie)
-
Mit saisonalem Muster
-
Mit peripartalem Beginn (im Zusammenhang mit Schwangerschaft/Geburt)
3. Bipolare Störungen (6A60–6A6Z)
-
Aktuelle Episode: manisch, hypomanisch, depressiv, gemischt
-
Mit psychotischen Symptomen / ohne psychotische Symptome
-
Mit saisonalem Muster
-
Mit Rapid Cycling (≥4 Episoden im Jahr)
4. Angststörungen (6B00–6B0Z)
-
Mit Panikattacken
-
Mit generalisierter Angstkomponente
-
Situationsspezifisch / unspezifisch
-
Mit körperlichen Symptomen (z. B. Herzrasen, Schwindel)
5. Trauma- und Stressbezogene Störungen (6B40–6B4Z)
-
Mit dissoziativen Symptomen
-
Mit verzögertem Beginn (Symptombeginn >6 Monate nach Trauma)
-
Komplexe PTBS (eigene Unterkategorie, 6B41)
6. Schizophrenie-Spektrum-Störungen (6A20–6A2Z)
-
Mit katatonen Symptomen
-
Mit depressiven Symptomen
-
Mit vorwiegenden Negativsymptomen
-
Klinischer Verlauf: episodisch, kontinuierlich, residual
7. Entwicklungsstörungen / Autismus (6A02)
-
Mit / ohne Intelligenzminderung
-
Mit / ohne funktionale Sprache
-
Mit / ohne Begleitstörung (z. B. ADHS, Epilepsie)
-
Schweregrad der funktionellen Beeinträchtigung
8. Essstörungen (6B80–6B8Z)
-
Schweregrad nach BMI / funktioneller Beeinträchtigung
-
Mit Zwangsverhalten (z. B. übermäßiges Training)
-
Mit Erbrechen / ohne Erbrechen
9. Substanzgebrauchsstörungen (6C4–6C5)
-
Schweregrad: leicht, mittel, schwer
-
Mit Entzugssymptomen
-
Mit psychotischen Symptomen
-
Mit Intoxikation
-
Mit anhaltendem Gebrauch
10. Generelle Spezifikatoren der ICD-11
Neben diagnosenspezifischen gibt es auch allgemeine klinische Spezifikatoren, z. B.:
-
Verlauf: akut, chronisch, episodisch, rezidivierend
-
Ort / Kontext: im Rahmen medizinischer Erkrankung, substanzinduziert
-
Schweregrad / Funktionsbeeinträchtigung
Möchtest du, dass ich dir daraus ein grafisches Lernposter oder eine kompakte Tabelle für Schulungszwecke mache (z. B. „Spezifikatoren nach Diagnosegruppen“)?


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