{"id":17067,"date":"2025-02-12T19:12:47","date_gmt":"2025-02-12T18:12:47","guid":{"rendered":"https:\/\/hppsycho.de\/mediathek\/?p=17067"},"modified":"2025-02-12T19:12:47","modified_gmt":"2025-02-12T18:12:47","slug":"neurodeversitaet-von-einem-fremden-planeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/hppsycho.de\/mediathek\/2025\/02\/12\/neurodeversitaet-von-einem-fremden-planeten\/","title":{"rendered":"Neurodeversit\u00e4t &#8211; von einem fremden Planeten?"},"content":{"rendered":"<p>Das ist es, was oft von neurodiversen Menschen zu h\u00f6ren ist. Sie verstehen nicht &#8211; oder viel besser &#8211; worum es geht, weil es zu verklausuliert oder zu einfach ist. Oder weil ihre Gedanken und die daraus entstehenden Welten zu komplex oder weit weg von dem sind, was andere Menschen bereit oder in der Lage sind, zu denken.<\/p>\n<p>In einem Interview des StudiVZ Gr\u00fcnders sagt dieser sinngem\u00e4\u00df, dass die Welt mit einem wie ihm wohl wenig anfangen kann. Eine gewagte Aussage f\u00fcr jemanden, der die bis dahin erfolgreichste Internetplattform in Deutschland aufgebaut hat. Er selbst ist neurodivers, was sich durch ADHS bei ihm \u00e4u\u00dfert. Nat\u00fcrlich kann die Welt mit einem wie ihn etwas anfangen. Vielmehr ist es so, dass er der Welt, in der er lebt, wenig abgewinnen kann. Er redet unglaublich schnell, durchdringt die Dinge, ist geplagt von Einsamkeitsgef\u00fchlen und von Nichtverstandensein.<\/p>\n<p>Hier m\u00f6chte ich beginnen und ich beziehe mich vor allem auf zwei Autoren.<\/p>\n<p>Patrice Wyrsch ist Forscher und hat die bisherigen Ergebnisse zur Forschung an und mit Neurodivergenz zusammengetragen und in einem <a href=\"https:\/\/www.patricewyrsch.ch\/neurosensitivit%C3%A4t\/\">Buch<\/a> ver\u00f6ffentlicht. Er schreibt dort:<\/p>\n<div id=\"cc-m-13322557527\" class=\"j-module n j-text \">\n<p><strong>Neurosensitivit\u00e4t<\/strong>\u00a0ist\u00a0<strong>\u00ab<\/strong><strong>die F\u00e4higkeit, Umgebungsreize zu registrieren und zu verarbeiten\u00bb<\/strong>\u00a0(<a title=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/full\/10.1111\/cdep.12120\" href=\"https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/full\/10.1111\/cdep.12120\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PLUESS, 2015<\/a>;\u00a0<a title=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S0149763418306250\" href=\"https:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S0149763418306250\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">zitiert in GREVEN ET AL, 2019: 288<\/a>). Hochsensitivit\u00e4t bzw. erh\u00f6hte Neurosensitivit\u00e4t ist somit die erh\u00f6hte F\u00e4higkeit, Reize zu registrieren und zu verarbeiten. Gem\u00e4\u00df Prof. Dr. Michael Pluess basiert diese Wahrnehmungsf\u00e4higkeit auf der (unterschiedlichen) <strong>Sensitivit\u00e4t des zentralen Nervensystems<\/strong>. Daher verf\u00fcgen alle Organismen mit einem Nervensystem \u00fcber unterschiedliche Sensitivit\u00e4tslevels.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.neurosensitivitaet.com\/\">Patrice Wyrsch<\/a> hat in seinem Buch vier Bereiche aufgezeigt, in denen sich Neurodivergenz zeigen kann. Dies sind Emotionalit\u00e4t, erh\u00f6hte Empathie, vertiefte Informationsverarbeitung und erh\u00f6hte Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr \u00dcberstimulation. Alle vier Bereiche konnten durch Studien belegt werden. <a href=\"https:\/\/sensitivitaetstyp.com\/\">Auf seiner Seite<\/a> hat er einen Sensitivit\u00e4ts-Check ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p><strong>Mehr von allem<\/strong><\/p>\n<p>In erster Linie hei\u00dft das, dass viele Menschen auf die eine Weise wahrnehmen und denken, w\u00e4hrend eine Minderheit auf die andere Weise wahrnimmt und denkt. In einer Gesellschaft oder einem anderen System werden die Dinge in der Regel so angegangen, strukturiert und erledigt, wie es die meisten tun w\u00fcrden oder tun. Die Mehrheit begreift sich als Normalit\u00e4t und beschlie\u00dft, wie die Welt zu laufen hat. Die Minderheit kann entweder nicht mithalten, weil sie die Dinge anders begreift und muss daf\u00fcr nicht selten Nachteile in Kauf nehmen, und das, obwohl sie ein Vielfaches dessen leisten k\u00f6nne, wozu ein neurotypischer Mensch in der Lage ist, wenn man sie l\u00e4sst &#8211; oder vielmehr, wenn sie sich selbst lassen.<\/p>\n<p><strong>Priorisierung der Reize<\/strong><\/p>\n<p>Zur Erinnerung: Neurodiversit\u00e4t \u00e4u\u00dfert sich zun\u00e4chst einmal in einem Zuviel. Durch eine andere Vernetzung der Hirnstrukturen nimmt der neurodiverse Mensch wesentlich mehr Reize aus der Umwelt wahr, als andere. Gleichzeitig fehlt die F\u00e4higkeit, die wichtigen Reize herauszufiltern und die unwichtigen zu ignorieren oder gar fallen zu lassen. Alles wird gleichberechtigt wahrgenommen und durchdacht. So kommt es, dass gleichzeitig mehrere Geschichten gleichzeitig gedacht und analysiert werden.<\/p>\n<p><strong>Erh\u00f6hte Emotionalit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Das f\u00fchrt zu einer weiteren Eigenschaft, der Emotionalit\u00e4t. Wer viel und konkret durchdenkt, der kommt nicht drumherum, sich auf die Geschichten, die er denkt, einzulassen und sich auch der entstehenden Emotionen hinzugeben. So passiert es, dass ein neurodiverser Mensch von einem Moment auf den anderen seine Stimmung wechselt. Da dies aufgrund blitzschneller Gedanken aufgrund eines Reizes erfolgt, den andere erst gar nicht wahrgenommen, geschweige denn, durchdacht haben, kann die Umgebung nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht nachvollziehen, was gerade passiert ist, dass ihr Gegen\u00fcber in solch eine Wut oder Euphorie ger\u00e4t.<\/p>\n<p><strong>Wahrheit<\/strong><\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die Gedanken derart konkret und &#8222;gut&#8220; sind, dass es eigentlich keinen Zweifel geben kann. Den gibt es nat\u00fcrlich bei den anderen. Einmal, weil sie nicht so schnell oder \u00fcberhaupt \u00fcber alles so konkret nachdenken k\u00f6nnen und au\u00dferdem dies auch nicht wollen. Sie haben die angenehme Eigenschaft, Priorit\u00e4ten setzen und Gedanken, die ihnen unangenehm werden, stoppen zu k\u00f6nnen, um sich dann wieder den angenehmen Dingen hinzugeben. Allerdings ist die Motivation nicht, sich nicht mit unangenehmen Dingen besch\u00e4ftigen zu wollen. Vielmehr geht es um die Abw\u00e4gung, was im Moment wichtig ist und was ungemein viel Kraft und Engagement kosten w\u00fcrde, es zu \u00e4ndern. Es ist also wieder eine Abw\u00e4gung zwischen dem Machbaren und dem Wichtigen. Diese wiederum fehlt dem neurodiversen Menschen oft, was nicht hei\u00dft, dass dies so sein oder bleiben muss.<\/p>\n<p><strong>Gerechtigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Beim Neurodivergenten Menschen kommt hinzu, dass er mit unausgegorenen Gedanken oder gar Ungerechtigkeiten (&#8222;die es nun mal gibt&#8220;, wie der neurotypische Mensch sagt) schwer umgehen kann. Auch wenn sich nichts daran \u00e4ndern l\u00e4sst: Es muss raus, zum Leidwesen aller, denn die haben das Thema schon abgehakt und nehmen sich dem Machbaren an. Zudem sind viele dieser Ungerechtigkeiten kaum oder zumindest nicht realistisch von einem Menschen alleine zu \u00e4ndern (das Weltklima, Kriege, die Situation von Fl\u00fcchtlingen, etc.). Wenn alle es nur so s\u00e4hen, wie es der neurodivergente Mensch tut, dann w\u00e4re die Welt in Ordnung. Dabei ist es nicht so, dass er ein Besserwisser w\u00e4re. Vielmehr ist er davon \u00fcberzeugt, dass das Ergebnis seiner Gedanken das bessere ist. Und nicht selten sind die Dinge besser und vielschichtiger durchdacht, einfach, weil er es kann.<\/p>\n<p><strong>Spiritualit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich abends in den Himmel schaue oder tags\u00fcber das Leben betrachte, das auf unserer Erde zu finden ist, dann kann ich unm\u00f6glich annehmen, dass, was wir hier erleben, alles sein soll. So k\u00f6nnte ein neurodiverser Mensch reden. F\u00fcr ihn geh\u00f6rt Spiritualit\u00e4t, in welcher Form auch immer, dazu. Das kann sich sehr unterschiedlich \u00e4u\u00dfern, von der Annahme einer Existenz, die unser Universum steuert, bis zu metaphysischen Annahmen oder Modellen, die derzeit angedacht werden (Multiversum, Quantenmechanik). Sie \u00e4u\u00dfert sich auch in Gedanken \u00fcber ein Leben vor der Geburt und nach dem Tod.<\/p>\n<p>Soweit eine recht kurze und unvollst\u00e4ndige Aufz\u00e4hlung verschiedener Zust\u00e4nde, die Neurodiversit\u00e4t beschreiben k\u00f6nnen.\u00a0Nun mag man annehmen, dass ein hochsensitiver Mensch den ganzen Tag am Leiden ist, weil er so viel wahrnimmt und verarbeitet, mit zugehaltenen Ohren \u00fcberall zu sehen ist, weil ihn jedes Ger\u00e4usch st\u00f6rt. Dem ist nat\u00fcrlich nicht so. Er ist es gewohnt, viel wahrzunehmen und dementsprechend zu denken, zu schlussfolgern und auch mitzuteilen.<\/p>\n<p><strong>Der Prophet im eigenen Land<\/strong><\/p>\n<p>Es ist aber auch so, dass ein neurodiverses Gehirn nicht die Entscheidung treffen kann, jetzt etwa mehr und dann etwas weniger zu denken. Es nimmt ununterbrochen wahr, es denkt ununterbrochen \u00fcber das Wahrgenommene nach, es vergleicht, es verkn\u00fcpft und versucht dabei, Informationen so zu verarbeiten, dass dabei ein gerechtes Ergebnis f\u00fcr alle herauskommt. Das funktioniert nat\u00fcrlich nicht immer. Denn einerseits wollen viele Menschen die Segnungen der Seher nicht und andererseits k\u00f6nnen sie die Gedanken und die daraus folgenden Ergebnisse auch nicht nachvollziehen. Kurzum: Der neurotypische Mensch will seine Ruhe und die Dinge so lassen, wie sie sind. Nachfragen werden nicht selten als Provokation gesehen oder als Spinnerei.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft ja auch nicht, dass der neurodiverse immer recht hat. Er sieht die Dinge erst einmal differenzierter und kann mehr und schneller Verkn\u00fcpfungen herstellen, um ein Thema zu beleuchten. Genau hier liegt das Dilemma.<\/p>\n<p><strong>R\u00fcckzug<\/strong><\/p>\n<p>Aus diesem Verhalten und den (durchaus verstehbaren) ablehnenden Reaktionen folgt Frust, zumindest so lange der neurodiverse Mensch nicht um seine F\u00e4higkeiten und Unf\u00e4higkeiten wei\u00df. Daraus k\u00f6nnen dann auch Erkrankungen entstehen, die nicht aus der Neurodiversit\u00e4t, sondern aus dem Verhalten darauf durch die Umwelt erfolgen. Vor allem aber k\u00f6nnen Radikalisierung und vor allem R\u00fcckzug eine Konsequenz sein. Radikalisierung folgt aus der Wut heraus, nicht ernst genommen zu werden und ist die Konsequenz aus dem Nicht loslassen k\u00f6nnen seiner Schlussfolgerung. Viel eher folgt aber der R\u00fcckzug. Wer den Eindruck hat, dass seine F\u00e4higkeiten nicht gew\u00fcnscht sind oder gar pathologisiert oder charakterlich diskreditiert wird, um sich nicht weiterhin mit unangenehmen Gedanken besch\u00e4ftigen zu m\u00fcssen, wird sich den Beurteilungen anderer nicht mehr weiter aussetzen wollen.<\/p>\n<p><strong>Einsamkeit<\/strong><\/p>\n<p>Einsamkeit ist nicht nur die Konsequenz aus der Ablehnung durch die anderen. Sie ist neurodiversen Menschen nicht selten innewohnend. Nicht zuletzt liegt das daran, dass sie von Beginn an anders denken und f\u00fchlen. Ein Kind wird dies nicht intellektuell erfassen k\u00f6nnen und auch ein Erwachsener tappt meist im Dunkeln. Oft werden die Verhaltensweisen der anderen nicht verstanden, gesellschaftliche Regeln erscheinen nicht logisch und die Behandlung der meisten Themen an der Oberfl\u00e4che langweilen. Es ist nicht so, dass der Neurodiverse die anderen daf\u00fcr verachtet. Vielmehr hat er das Gef\u00fchl, selbst nicht dazuzugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Ein Beispiel<\/strong><\/p>\n<p>Ein Zehnk\u00e4mpfer wird nicht als solcher geboren. Er wird aber mit der entsprechenden k\u00f6rperlichen Ausstattung geboren, der n\u00f6tigen Disziplin und bestenfalls einer guten Unterst\u00fctzung durch die Eltern. Niemand w\u00e4re ernsthaft neidisch auf den Sportler oder w\u00fcrde ihn deswegen ausgrenzen. Nicht zuletzt wei\u00df jeder, dass es auch Dinge gibt, die der Sportler nicht kann. Vielmehr w\u00fcrde man ihn bewundern und anfeuern und gegebenenfalls nach Hilfe fragen, wenn man etwas \u00fcber gutes Training erfahren wollte.<\/p>\n<p>Bei Hochsensiblen, autistischen oder ADHS-Menschen macht man das eher nicht. Man pathologisiert sie nicht selten, weil ihr Verhalten st\u00f6rend ist und sei es nur, weil es anders ist. Dabei sind diese Menschen mit F\u00e4higkeiten gesegnet, die sie in vielen Situationen besser dastehen lassen, als andere. In anderen wiederum nicht. Vor allem sind sie in der Lage, Visionen zu erzeugen und L\u00f6sungen f\u00fcr komplexere Probleme, die kreativer sind, als viele andere.<\/p>\n<p>Als erstes gilt es zu verstehen, dass Neurosensitvit\u00e4t keine Krankheit sondern eine Besonderheit ist. Sie zu erkennen, anzuerkennen und sich damit zu besch\u00e4ftigen und eine guten Umgang damit zu finden, sodass die st\u00f6renden Eigenschaften kompensiert und die n\u00fctzlichen entsprechend eingesetzt werden k\u00f6nnen. Das ist die Herausforderung f\u00fcr den Einzelnen, aber auch f\u00fcr die gesamte Gesellschaft, die davon profitieren kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"cc-m-13859315127\" class=\"j-module n j-spacing \"><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist es, was oft von neurodiversen Menschen zu h\u00f6ren ist. Sie verstehen nicht &#8211; oder viel besser &#8211; worum es geht, weil es zu verklausuliert oder zu einfach ist. 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